„Wer einen Naturgarten hat, bekommt die Tiere dazu geschenkt.“ Und in der Tat summt und brummt es in allen Ecken von Hof und Garten in der Lochgasse 1 in Alzey-Heimersheim. Ein Ort zum Wohlfühlen, auch an heißen Sommertagen.

Überall grün mit bunten Farbtupfern, ein kleiner Teich und natürlich Schmetterlinge, Libellen, Wildbienen, Hummeln und vieles mehr. In einem Naturgarten wird schnell klar, dass man so viel „Gewimmel“ in den allermeisten Gärten nicht sieht. Nicht mehr. Denn pflegeleichte Rasen und Hecken haben die Vorgärten erobert – oder noch schlimmer: Steingärten. Es ist eines der Topthemen des Jahres, dass wir Menschen immer mehr Tiere verdrängen. Dass Arten bedroht sind oder schon ausgestorben, dass die „Gärten des Grauens“ keinen Platz mehr für Wildbienen & Co. bieten.

„Nie war es so schlimm wie jetzt, doch nie war ich so hoffnungsvoll wie jetzt“, sagt Naturgärtner Friedhelm Strickler. Denn auf der einen Seite findet auch er das Artensterben bedrohlich, freut sich aber darüber, dass endlich Bewegung in die Sache kommt. Immer mehr werden aktiv und stoßen überall Aktivitäten an. Da kommt auch die Politik nicht mehr drum herum, sich der Sache anzunehmen. So wie der Verein Naturgarten e. V., der immer mehr Mitglieder aufnimmt.

Natürliches Gleichgewicht
Ein Naturgarten zeigt eine „scheinbare Unordnung“, wie es Strickler nennt. Über viele Jahre bringt er sich in ein Gleichgewicht, das dann auch nicht mehr viel Pflege erfordert: Ein Rückschnitt nach dem Winter, damit noch Nahrung für Vögel bleibt. Auch Wasser benötigen nur die Topfpflanzen im Hof. Für die Insekten bietet der kleine Teich ausreichend Wasser, und Stechmückenlarven werden von den Libellenlarven einfach weggefressen. Dass Friedhelm Strickler hier in seinem Element ist, bleibt unübersehbar: „Es ist mir eine Herzenssache, dass Mensch, Tier und Pflanze miteinander leben können.“

Entscheidend für unsere heimischen Tierarten sind heimische Pflanzen. Denn über hunderttausende Jahre hat sich die Koexistenz vieler Arten gebildet: So benötigt zum Beispiel die Raupe des Bläulings den gelben Hornklee als Futterpflanze. „Und das ist noch ein einfaches Beispiel dafür, welche verschachtelten Zusammenhänge zwischen Tieren und Pflanzen entstehen“, erklärt Strickler. Beim Zusammenspiel zwischen Raupe, Ameisen, Puppe und Falter steigt der Nichtbiologe frühzeitig aus, doch klar wird: „Wenn ich etwas tun will, muss ich es mit Wildpflanzen tun.“

Expertenwissen gefragt
Deshalb dreht sich in der Gärtnerei außerhalb von Alzey fast alles um Wildpflanzen. Sie werden selbst vermehrt und auch als Saatgut gelangen sie überwiegend über den Online-Shop ins gesamte Bundesgebiet. Denn Stricklers Bioland-Betrieb ist einer der größten und seit 26 Jahren aktiv. „Am Anfang wurden wir eher belächelt“, erzählt der gelernte Garten- und Landschaftsbauer – auch als es um die Zulassung zum Ausbildungsbetrieb ging. Heute ist es keine Frage, dass regelmäßig Azubis zum Staudengärtner ihre berufliche Laufbahn dort beginnen. Außerdem sind Praktikanten zum „Naturgarten-Profi“ regelmäßig vor Ort – erst kürzlich eine junge Hamburgerin, die einen Preis für ihren Privatgarten gewonnen hatte.

Auf dem Gelände haben nicht nur die Pflanzen, darunter einheimische Rosen und auch Obstgehölze, Platz. Extensiv angelegt, finden Vögel, Insekten oder Igel und Eichhörnchen in breiten Hecken und großen Bäumen Platz. „In den Städten können wir zwar einiges erreichen, aber unsere Tierwelt retten wir weiter draußen“, plädiert Strickler für mehr naturnahe Lebensräume. Als Experte ist er in einem weiten Umkreis aktiv und berät Gartenbesitzer oder auch Firmen und Verwaltungen, die mehr Natur wagen wollen. Ein Experiment, das zum Glück immer mehr Nachahmer findet. Denn bei aller Zuversicht sagt der Naturgarten-Experte: „Wir müssen Gas geben, denn wir wissen nicht, wie viel Zeit wir noch haben.“

Offene Gärten
Beim „Tag der offenen Gärten“ ist auch Familie Strickler regelmäßig dabei: offene-gaerten-rheinhessen.de

„Ich war nie so hoffnungsvoll wie jetzt, dass wir noch was ändern können.“

FRIEDHELM STRICKLER, NATURGÄRTNER 

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3 Fragen an Stephan Wilhelm zum Natur- und Artenschutz

Warum wagt auch EWR mehr Natur?
Für die Zukunft von uns allen ist das Thema Biodiversität und damit der Artenschutz unverzichtbar. Deshalb übernimmt EWR gemeinsam mit den Umweltverbänden in zahlreichen Projekten Verantwortung. Ein Beispiel ist die Initiative „Mehr Natur wagen“. Ziel ist, die Artenvielfalt im urbanen Raum zu fördern. Die Grünanlage unserer Verwaltung wurde deshalb mit blüten- und beerenreichen Wildpflanzen gestaltet.  Als Preisträger des ersten „Wormser Umwelt-Stars“ wollen wir Vorbild sein und zum Nachahmen anregen.

Wie geht es weiter in die Zukunft?
Die Entscheidung, Flächen der Natur zurückzugeben und damit einen Beitrag für den Artenschutz zu leisten,  ist bereits vor zwei Jahren gefallen. Damals wurden wir auf die Initiative der vier Wormser Umweltverbände aufmerksam. In der Zwischenzeit hat sich viel getan. Auch das Gelände unserer Umspannanlage Kirschgartenweg im Wormser Westen haben wir unter fachlicher Beratung der Umweltverbände naturnah umgestaltet. Zwei weitere Flächen folgen noch in diesem Jahr. Darüber hinaus haben wir in Alzey eine Wildbienen-Nisthilfe und am Lutherring in Worms ein Insektenhotel aufgestellt. Zweimal im Jahr werden die Flächen von einem Naturgärtner bewertet. Dadurch lernen wir Stück für Stück dazu und können die entsprechenden Pflegemaßnahmen anpassen. 

Warum rückt die Wildbiene derzeit so sehr in den Fokus?
Allein in Deutschland sind bisher mehr als 600 Wildbienen-Arten bekannt. Leider sind die meisten stark gefährdet. Im Gegensatz zu Honigbienen können Wildbienen schon ab einer Temperatur von zwei Grad fliegen. Sie bestäuben aufgrund ihres Körperbaus viel mehr Pflanzenarten, die eine Honigbiene gar nicht erreichen könnte. Für einen Hektar Obstbäume würden über 10.000 Honigbienen benötigt – aber nur rund 530 Wildbienen.

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