Gelebte Inklusion und Förderung von Talenten - das gibt es im atelierblau. Aus dem anfänglichen Pilotprojekt ist ein professionelles Künstleratelier geworden.

"Horst, Telefon!“ Es klingelt und die konzentrierte Arbeitsatmosphäre im atelierblau wird kurz unterbrochen. „Immer gefragt“, sagt Künstler Michael Dinges über Horst Rettig, den künstlerischen Leiter des Projektes – und reicht ihm das Telefon. Rettig hat das atelierblau 2009 ins Leben gerufen und damit den Grundstein für ein einzigartiges Inklusionsprojekt gelegt. Die Idee: In den Werkstätten der Lebenshilfe ein eigenes Atelier für Künstler mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung zu schaffen. Die Umsetzung ist geglückt. „Wir haben bereits an mehreren Kunst- und Ausstellungsprojekten teilgenommen“, berichtet Rettig. So zum Beispiel in der Documenta- Halle Kassel, im Arp-Museum oder der Landesvertretung in Berlin.

ORIGINÄRE WERKE MIT TIEFGANG
Vom Kunsthaus Worms aus finden die Werke von atelierblau ihren Weg in private Sammlungen, Unternehmen, Galerien sowie öffentliche und staatliche Einrichtungen. „Die Kunstwerke, die hier entstehen, stehen absolut in einer Reihe mit denen von nicht behinderten Künstlern“, erklärt Rettig. Oder wie Künstler Daniel Schoa es ausdrückt: „Wir sind keine Outsider, sondern Insider. Wir sind behindert, aber nicht dumm.“ Der 51-Jährige bindet in seine Zeichnungen oft Texte über die Gesundheitspolitik oder den Klimawandel mit ein – und stellt diese weltweit aus. „Daniel hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt – sowohl künstlerisch als auch persönlich“, freut sich Rettig. „Die Erfolge machen eben selbstbewusster.“

 

NACHHALTIGE VERÄNDERUNG
Die Arbeit im atelierblau steigert die Sozialkompetenz und Eigenverantwortlichkeit der behinderten Künstler. Oftmals können sie hier auch Motorik und Sprache verbessern. Damit dies auch weiterhin möglich ist, ist die Initiative auf die Förderung der Lebenshilfe Worms angewiesen – und auf den Verkauf der Kunstwerke. EWR unterstützt das Kunstprojekt seit mehreren Jahren. Hier entstanden zum Beispiel auch die Motive für die EWR-Meilensteine, Denkmäler in und um Worms, die als Zeichen für nachhaltiges Schaffen stehen und generationsübergreifend zum Nachdenken anregen sollen. „Wir sind auch ein nachhaltiges Projekt“, betont Rettig. Denn für die Künstler von atelierblau ändere sich das Leben durch das gemeinsame Schaffen grundlegend und dauerhaft. Nicht verwunderlich also, dass zu den zahlreichen Preisen, die die – zunächst als Pilotprojekt angedachte – Initiative bereits erhielt, auch ein Ehrenpreis für Sonderpädagogik zählt.

Fotos: Alica Haas