Sturmtief „Fabienne“ sorgte in der Netzleitstelle für Hochspannung. Ein Blick hinter die Kulissen.

Am 23. September fegt Sturmtief Fabienne über Rheinhessen und sorgt für abgedeckte Dächer, herausgerissene Bäume und über 150 Feuerwehreinsätze. Als der Sturm die Region erreicht, fällt sofort der Strom aus. Über 3.000 Menschen sind betroffen. Grund: Sechs Hochspannungsmasten (110.000 Volt) knicken um, einige davon fallen auf eine Freileitungstrasse mit einer Spannung von 20.000 Volt. Die Hochspannungsmasten liegen in der Verantwortung von Westnetz, für das Mittelspannungsnetz (20.000 Volt) und somit für die Stromversorgung für die Bewohner ist EWR zuständig. 

Alle wissen, was zu tun ist

In der EWR-Netzleitstelle in Worms wird der Stromausfall um 16:32 Uhr festgestellt, wo rund um die Uhr Techniker der EWR Netz GmbH in Bereitschaft stehen. Sie sind für die Versorgung von Rheinhessen verantwortlich. „Bei Stromausfall sind wir alle sofort im Handlungsmodus“, erklärt Thomas Singer, Leiter der Netzleitstelle. „Alle wissen, was zu tun ist. Wir sind ein eingespieltes Team.“ Zuerst müssen die drei Männer in der Zentrale herausfinden, was passiert ist. Auf ihren Monitoren sehen sie nur die Auswirkungen: Die Umspannanlagen (UA) Guntersblum und Ober-Olm arbeiten nicht mehr. In den beiden UA werden 110.000 Volt in 20.000 Volt transformiert. „Wenn etwas passiert, müssen wir auf verschiedenen Ebenen aktiv werden. Priorität 1 ist stets, die Versorgung der Kunden sicherzustellen. Parallel müssen wir aber auch die Ursache herausfinden. In diesem Fall hieß das, uns direkt mit Westnetz abzustimmen. Zudem liefen die Telefone in unserem Servicecenter heiß, weil die Betroffenen wissen wollten, was los ist“, so Singer. „Bei uns gibt es für so einen Sonderfall einen Krisenprozess, der dann greift. So werden sowohl der EWR-Vorstand als auch die Kollegen von der Unternehmenskommunikation informiert, weil auch immer schnell die Presse anruft.“ Per Fernanalyse können die Experten in der Netzleitstelle auf Anlagen vor Ort zugreifen. In der UA Guntersblum ist die 110.000-Volt-Versorgung eines Transformators ausgefallen. Dank leitungsgebundener Steuerung schalten die Männer in Worms von zwei Transformatoren auf einen. „Im Prinzip arbeiten wir an vielen Stellen bewusst überdimensioniert, sind also redundant aufgestellt“, so Singer, „damit wir genau in solchen Fällen noch Reserven haben, um Strom umleiten und die Kunden mit der entsprechenden Spannungsqualität wieder versorgen zu können.“ Nach zehn Minuten Stromausfall funktioniert die UA in Guntersblum wieder.

Herausforderung in Ober-Olm

Problematischer ist es in Ober-Olm. Dort ist die UA komplett ohne Spannung. Hier müssen die Experten in größeren Dimensionen denken. „Im Prinzip haben wir dann die UA vom 110.000-Volt-Netz genommen“, so Thomas Singer, „und den Strom über die existierenden 20.000-Volt-Leitungen in der Umgebung geleitet.“ So eine Maßnahme ist für einen Tag kein Problem, kann aber für einen längeren Zeitraum kritisch werden. Thomas Singer kennt ja bis dahin noch immer die Ursache der Stromausfälle nicht …

Die Umschaltung auf das 20.000-Volt-Netz muss teilweise vor Ort ausgeführt werden, nicht alle Ortsnetzstationen sind von der Ferne aus bedienbar. „Da mussten Kollegen aus der Netzbereitschaft raus“, sagt Singer. „Handarbeit bleibt wichtig.“ Während sich der Kollege durch Blaulichter und Orkanregen zum Einsatzort kämpft, erreicht Singer eine Warnung aus Mettenheim: auch dort Stromausfall. Langsam wird ihm mulmig. Nach über einer Stunde meldet sich die Feuerwehr: Strommasten liegen auf der Straße. Singer weiß nun, dass die Reparaturen länger dauern werden. Derweil ruft der Kollege von unterwegs an, er ist am Einsatzort angekommen. Zeitgleich schaltet die Crew den Strom so um, dass die Gegend um Ober-Olm auch wieder versorgt wird. Der Notfallplan funktioniert. Singer und seine Kollegen wissen, dass sie langsam die Kapazitätsgrenze des Netzes erreichen. Sechs umgestürzte Hochspannungsmasten sind eine ernste Krise. „Der Zustand blieb letztlich elf Tage. Hätte hier das gute Wetter nicht mitgespielt, hätten sich die Reparaturmaßnahmen verzögert“, so Singer.

Doch noch immer ist Mettenheim stromlos. Singer entscheidet, die Leitung wieder scharf zu schalten. Sein Gefühl und die Planunterlagen sagen ihm, dass dort kein fremder Mast umgefallen sein kann – es gibt keinen. Seine Entscheidung ist richtig. Der Strom fließt sofort wieder normal. Später erfährt er von der Feuerwehr, dass ein vom Sturm abgerissenes Blechdach einen Kurzschluss verursacht hat, es flog in die Leitung und fiel dann in einen Weinberg.

Nach nur zwei Stunden wieder am Netz

Die Crew hat in kürzester Zeit alle Probleme gelöst. Nur die Kläranlage von Mommenheim ist noch ohne Strom. Dort arbeitet mittlerweile ein EWR-Mitarbeiter und koordiniert die Bauarbeiten der Firma Wabe, die auf Freileitungsreparaturen spezialisiert ist. Noch immer liegt ein Hochspannungsmast auf der Mittelspannungsfreileitung von EWR. Die Experten entfernen das zerstörte Freileitungsstück und leiten den Strom um. Bald funktioniert wieder alles. Insgesamt hat das EWR-Team nur zwei Stunden gebraucht, um die gesamte Gegend wieder mit Strom zu versorgen, eine Meisterleistung. „Zur Not stehen hier in Worms auch noch Spezialfahrzeuge bereit, die zur Notstromversorgung mit ihren Aggregaten eingesetzt werden können“, verrät Singer. „Es ist unser Job, dass die Menschen in Rheinhessen von uns bestens versorgt werden. Das ist nur mit der Unterstützung hervorragender Kollegen zu meistern!“ Im Vergleich kann EWR stolz sein. 2017 kam es im Netzgebiet zu 5,21 Minuten Stromausfall pro Verbraucher. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 15,4 Minuten.

Thomas Singer, Leiter Netzstelle
„Bei Stromausfall sind wir alle sofort im Handlungsmodus“

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