Stromgeschenk für den Nachbarn

Wie die dezentrale Stromproduktion die Welt verändert.

Im Mai kommt es in der Verbandsgemeinde Monsheim zu einer ungewöhnlichen Baumaßnahme. In Flörsheim-Dalsheim wird ein Netzregler im Mittelspannungsnetz (20.000 Volt) installiert, um den Strom aus den Windkraftanlagen besser steuern zu können. Die Verbandsgemeinde erzeugt seit September 2013 mit 5 eigenen Windenergieanlagen etwa 50 Millionen Kilowattstunden klimafreundlichen Strom pro Jahr. Das deckt den Bedarf von rund 25.000 Menschen, wobei in der Verbandsgemeinde nur 12.000 wohnen, der Strom also nicht komplett vor Ort verbraucht werden kann.

Auch das in Biblis geplante Neubauviertel „Helfrichsgärtel III“ wird sich selbst mit Strom versorgen. Die geplanten 67 Häuser produzieren mit Fotovoltaik Energie, gewinnen Heizwärme mit Luft/Wasser-Wärmepumpen, sind mit intelligenter Smart-Home-Technik vernetzt und integrieren E-Mobilitätsfahrzeuge in das autarke Selbstversorgungskonzept.

Obwohl beide Ortschaften CO2-neutral Energie erzeugen, sind die Unterschiede zwischen den jahrhundertealten Ortschaften der Verbandsgemeinde in Rheinhessen und dem geplanten Neubauviertel im Ried groß: Die VG Monsheim erzeugt viel Strom in großen Windkraftwerken, „Helfrichsgärtel III“ mit vielen kleinen Solaranlagen. Die einen arbeiten nur bei Wind, die anderen nur bei Sonne.

Herausforderungen für Netzbetreiber

Beide Orte stehen aber vor denselben Fragen bzw. stellen diese dem Netzbetreiber, in diesem Fall der EWR Netz GmbH. Alle Beteiligten wollen Strom beziehen, produzieren, verbrauchen und verkaufen – auch untereinander. Mal gibt es mehr selbst produzierten Strom, mal weniger, mal kauft der eine, mal der andere, mal viel, mal wenig. Wie soll man das technisch managen? Wie werden die Strommengen fair abgerechnet? Woher genau kommt eigentlich gerade welcher Strom? In unserem Beispiel haben wir nur 5 große Windkraftwerke und 67 kleine Solarenergieproduzenten aus unserem Versorgungsnetz herausgegriffen, mit insgesamt weniger als 15.000 Menschen. Potenziell wollen aber 82 Millionen Menschen in Deutschland ebenfalls Strom erzeugen, kaufen, verbrauchen und tauschen. In Europa sind es rund 740 Millionen. Doch egal ob großes oder kleines Netz, die Fragen sind alle gleich.

Der Strommarkt ist im Wandel. Künftig wird Strom zu einer Ware, die wir mit unserem Nachbarn handeln können, so wie wir uns heute eine Kaffeetasse Zucker bei ihm leihen. Der Unterschied ist allerdings: Strom kann man nicht sehen, schlecht durch die Gegend tragen und nicht so einfach mal abwiegen. Es bedarf neuer Techniken und Organisationen. Apps werden die Tasse ersetzen, intelligente Zähler die Küchenwaage. Das klingt kompliziert, relativiert sich aber, wenn man weiß, dass die Entwicklung der Porzellantasse bereits 1.600 Jahre vor unserer Zeitrechnung in China begann und erst 1708 in Meißen endete. Die Küchenwaage hat rund 7.000 Jahre Entwicklungszeit hinter sich.

Intelligente Module entstehen

Unsere Stromnetze waren zu keiner Zeit für viele Stromproduzenten ausgelegt. Das muss sich nun ändern. Neues muss erfunden, ausprobiert und gebaut werden. Dazu hat die Bundesregierung ein Förderprojekt aufgelegt: das „Schaufenster intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“, kurz SINTEG. Ziel ist die Erforschung und Demonstration von Technologien und Marktmodellen, die zu einem intelligenten Stromnetz führen. E-Mobilität, Smart-Home-Produkte, intelligente Zähl-, Übertragungs- und Speichertechnologien sind Teil dieses neuen Netzmodells. Das Stromnetz unter Verwaltung der EWR Netz GmbH ist besonders geeignet, weil es Regionen unterschiedlicher Größen und mit so genanntem unterschiedlichem energetischen Verhalten versorgt, wie eben die VG Monsheim mit ihren Windparks und das Neubaugebiet in Biblis. Alle Produzenten können künftig mit Strom handeln. Dazu benötigt es neue Netztechnik für die großen Stromnetze, aber auch praktische Anwendungen für zu Hause sowie kluge und faire Abrechnungssysteme. „Das ist eines der spannendsten Projekte, die wir in den letzten Jahrzehnten realisiert haben“, betont Geschäftsführer Johannes Krämer. „Es ist eine völlig neu gedachte Energieversorgung.“

Im Rahmen von SINTEG ist EWR Netze Konsortialpartner im Verbundprojekt „Designetz“, das sich über die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland erstreckt. Auf der geplanten „Route der Energie“ verantwortet die EWR Netze 2 zentrale Projekte. In den nächsten Ausgaben setzen wir das Thema fort. Nähere Informationen finden Sie unter: www.Designetz.de

 

 

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