Gemeinsam Zukunft anpacken

Ein möglicher Versorgungsengpass sowie extrem hohe Energiekosten sorgen für Unsicherheit bei Verbraucherinnen und Verbrauchern. Wo EWR die Energiezukunft sieht und wie der Energiedienstleister diese gemeinsam mit Partnern anpackt, haben wir die EWR-Vorstände gefragt.

Nach den Herausforderungen der Corona-Pandemie bringt der russische Angriffskrieg in der Ukraine zusätzlich weitreichende Folgen, die sich in unserem täglichen Leben bemerkbar machen – von gestörten Lieferketten über Unsicherheiten am Energiemarkt bis zu steigenden Preisen. Wie beurteilen Sie die Lage?

Stephan Wilhelm: Wir erleben in Deutschland, aber auch in ganz Europa eine Zeitenwende. Politisch, aber auch energiewirtschaftlich. Schon jetzt zeichnen sich weitreichende Veränderungen für die Energiemärkte ab. Der russische Angriffskrieg hat alte Gewissheiten, Marktstrukturen und Wertesysteme so sehr ins Wanken gebracht, dass der Umgang mit der eskalierenden Energiekrise zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe wurde. Es gilt deshalb gemeinsam mit allen Beteiligten aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft die Anstrengungen zur Einsparung von Energie zu intensivieren und solidarische Antworten auf die extrem gestiegenen Energiekosten zu finden.

Dirk Stüdemann: Klar ist, dass alle Marktteilnehmer vor gewaltigen Herausforderungen stehen. In dieser Zeit gilt es, die Region für unsere Kundinnen und Kunden – und speziell für eine unabhängige, nachhaltige Energiezukunft – weiterzuentwickeln. Dafür werden wir in neue Energien und Märkte investieren und in Richtung Klimaneutralität steuern. Nur mit mehr regenerativer Energie, intelligenten Netzen und Lösungen werden wir die Energiewende vor der eigenen Haustür erreichen. Dabei bleibt die Erfüllung unserer Aufgabe der Daseinsvorsorge natürlich unser zentrales Anliegen: Alle Kundinnen und Kunden, unabhängig der finanziellen Leistungsfähigkeit, müssen einen Zugang zu einer nachhaltigen Energieversorgung erhalten.

Auf was müssen sich Verbraucher bei den Energiepreisen einstellen?

Dieter Lagois: Die ausfallenden Mengen können derzeit noch am Markt beschafft werden, allerdings zu nochmals extrem gestiegenen Bezugspreisen, wie es sie in den letzten 50 Jahren in dieser Höhe noch nicht gegeben hat. Innerhalb von zwölf Monaten sind die Großhandelspreise für Strom um das Siebenfache, die für Gas um das Neunfache gestiegen. Je länger die extrem gestiegenen Beschaffungskosten bestehen bleiben, desto mehr werden sie sich in den Tarifen niederschlagen und diese für den Kunden massiv verteuern. Diese verschärfte Kostenentwicklung wird in den nächsten Monaten in vollem Umfang bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommen. Eine Entwicklung, die die Branche und somit jeden Kunden in Deutschland gleichermaßen betrifft.

Müssen sich Kunden nun Sorgen machen, dass sie im Winter kein Gas mehr haben?

Stephan Wilhelm: Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz hat die Alarmstufe, also die zweite Stufe des Notfallplans Gas, ausgerufen. Ein richtiger und wichtiger Schritt, denn so können auch in Reserve gehaltene Kohlekraftwerke wieder in Betrieb genommen werden, damit für die Stromproduktion kein Gas verfeuert werden muss. Energiesparen ist jetzt das Gebot der Stunde. Hier können alle Verbraucherinnen und Verbraucher, ob privat oder gewerblich, ihren Beitrag leisten. Dies würde auch helfen, die Situation bei den Gasspeichern zu entlasten. Ende August waren die deutschen Gasspeicher zu über 80 Prozent gefüllt. Zum 1. November soll ein Füllstand von 95 Prozent erreicht sein.

Sollte es doch zu einer weiteren Verknappung von Gas kommen und die dritte Stufe in Kraft treten, sind Haushaltskunden und soziale Dienste wie Krankenhäuser durch gesetzliche Bestimmungen besonders geschützt. Industrie- und Gewerbekunden müssten im Ernstfall vom Netz getrennt werden. Dies entscheidet die Bundesnetzagentur.

Dieter Lagois: Die Versorgungssicherheit ist aktuell nicht gefährdet, jedoch bereiten wir uns durch Gespräche und Informationen mit und für Industrie- und Gewerbekunden auf einen möglichen russischen Lieferstopp vor. Zudem haben wir durch die Gründung einer unternehmensinternen Taskforce die Voraussetzungen geschaffen, um bei einer weiteren Verschärfung der Lage im Sinne der Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit reagieren zu können. Denn die Alarmstufe sendet das klare Signal an alle Nutzer von der Industrie bis zu den privaten Haus­halten, dass dort, wo es irgend geht, Gas eingespart werden muss. Kurzum: Der Verbrauch muss runtergehen, um sicher durch Herbst und Winter zu kommen.

Was folgt nun für Sie aus dieser Lage und wie reagiert EWR?

Stephan Wilhelm: Bei aller Sorge über den Frieden in Europa und die Folgen für die weltweite Wirtschaft müssen wir den Krieg zum Anlass nehmen, die Abhängigkeit von fossiler Energie und von einzelnen Exportländern weiter zu verringern. Dieser schreckliche Krieg verdeutlicht die Notwendigkeit eines beschleunigten Auf- und Ausbaus von mehr regenerativen und somit unabhängigeren Energiequellen. EWR wird alle Kräfte einsetzen, um den Ausbau der erneuerbaren Energien weiter voranzutreiben.

Dirk Stüdemann: Wir alle müssen die Abhängigkeit von Energieimporten reduzieren, die Energie am besten regenerativ vor Ort erzeugen. Die Energiewende beginnt vor der Haustür jeder und jedes Einzelnen. Mit der gemeinsamen Anstrengung aller können wir das Ziel der Energieautarkie sowie der Klimaneutralität realisieren. Damit leisten wir einen wesentlichen Beitrag, um die Energiewelt von morgen sauberer und intelligenter zu gestalten. Wir müssen jetzt handeln, damit der Schutz von Umwelt und Klima gelingt, und das in Verantwortung für zukünftige Generationen.

Welche Strategie verfolgen Sie, um das Ziel zu erreichen?

Dieter Lagois: Schon lange setzen wir bei der Energiewende vor Ort auf alle Akteure und alle Ebenen. Bei den Kommunen bilden wir zahlreiche Netzwerke und arbeiten eng mit den Klimaschutzmanagern zusammen. Denn nur gemeinsam lassen sich Themen wie Nachhaltigkeit und neue Energien anpacken, um die Grundlagen für einen attraktiven und zukunftsfähigen Wohn- und Lebensort zu gestalten. Dabei sind wir immer im engen Austausch mit Bürgermeistern und Bürgern, denn die Energiewende funktioniert nur, wenn alle mitziehen. Und das ist dann jeder private Erzeuger, jeder Landwirt mit seiner Fotovoltaikanlage und jeder, der eine Fläche für die Windkraft freimacht.

Dirk Stüdemann: Durch dieses Zusammenspiel konnten viele Wind- und Fotovoltaikanlagen erfolgreich umgesetzt werden. Zum Beispiel die Anlage auf dem Parkhaus des Klinikums Worms, die jedes Jahr rund 620.000 Kilowattstunden Ökostrom erzeugt – so viel wie für rund 185 Haushalte. Unter dem Dach der PIONEXT GmbH bündeln wir die bereits bestehenden rund 500 Wind- und Fotovoltaikan­lagen der drei Partner Mainzer Stadtwerke, Pfalzwerke und EWR und kümmern uns um deren technischen Betrieb.

Und wie alle diese dezentralen Erzeuger mit dem Verbrauch vor Ort bestmöglich in Einklang gebracht werden können, untersuchen wir durch Forschungsprojekte wie DESIGNETZ und RegEnZell. Gerade erst haben wir dafür erneut die Auszeichnung „Innovativ durch Forschung“ erhalten, und wir werden weiter zeigen, wie die Energiewende konkret vor Ort möglich werden kann.

Wie können Sie Privatverbraucher unterstützen?

Dieter Lagois: Wir sind inzwischen sehr viel mehr Dienstleister als Versorger. Diesen Weg geben unsere Kundinnen und Kunden vor, die inzwischen Produzent und Konsument zugleich sind. Für sie alle werden wir die Energiedienstleistungen und die zahlreichen Serviceoptionen weiterentwickeln – sie bei ihrer persönlichen Energiewende unterstützen.

Natürlich erreichen unsere Berater wegen des Ukraine­kriegs und der derzeitigen Gaslieferdiskussion so viele Anfragen wie nie zuvor. Individuelle Beratungsleistungen rund ums Haus, zu Ökostrom, Fotovoltaikanlagen, Wärmepumpen oder Wallboxen haben Hochkonjunktur. Auf viel Interesse stößt aktuell auch die Mini-Solaranlage für den Balkon. Bei der Umsetzung unserer Produktlösungen und bei der Installation helfen unsere Partner im Handwerk, mit denen wir schon viele Jahre vertrauensvoll zusammenarbeiten. Und natürlich können wir durch die Kooperation mit der Firma Knies ein kompetentes und fachlich geschultes Expertenteam hinzugewinnen. Kunden profitieren also vom Vorteil, dass sie bei uns alles aus einer Hand bekommen. Künftig werden wir unsere Energiedienstleistungen noch einmal ausweiten.

 

Kommen wir abschließend noch einmal zurück zu den Preisen. Was raten Sie Verbraucherinnen und Verbrauchern, wie sie sich vor hohen Kosten schützen können?

Stephan Wilhelm: Um hohe Nachzahlungen zu vermeiden, empfehlen wir schon jetzt, die Abschläge von sich aus anzupassen. Das können Verbraucher über unser Kundencenter und die Energieläden oder noch einfacher über unser EWR-Kundenportal. Es ist auch empfehlenswert, jetzt schon etwas Geld für das kommende Jahr zur Seite zu legen. Zudem war es noch nie so wichtig wie jetzt, Energie zu sparen. Schon einfache Maßnahmen, die keine großen Investitionen erfordern, und eine Änderung des individuellen Verbrauchsverhaltens helfen. Wer beispielsweise zu Beginn der Heizsaison seine Raumtemperatur um ein Grad senkt, spart schon sechs Prozent an Heizkosten. Weitere Tipps sowie Erklärvideos haben wir auf einfachjetzt.de zusammengefasst

Das Haus der Zukunft

Das Haus von Anne-Katrin und Matthias Hannemann ist eins der Häuser aus dem Forschungsprojekt DESIGNETZ in Biblis und das zweite im Energie-Wohnpark Helfrichsgärtel. EWR hatte als Projektpartner des Wohnparks untersucht, wie autark Menschen dort leben können, und bei Hannemanns eine Fotovoltaikanlage mit Speicher, ­E-Ladestation und intelligentem Managementsystem für alle Energieflüsse eingebaut. „Besonders fasziniert mich, mehr Energie zu produzieren, als wir selbst verbrauchen“, sagt Matthias Hannemann. „Und das hat funktioniert.“ Wenn im Sommer die Sonne scheint, sorgt das System dafür, dass das E-Auto geladen wird. „Ist die Wärmepumpe optimal eingestellt, produziert sie auch effizient Warmwasser“, erzählt der Eigentümer. Seiner Frau war wichtig: „Du kannst alles ohne Komfortverzicht optimieren.“

Ökostrom vom Dach

In Nieder-Olm entwickelt und baut die Firma Slee, ein Pionier für Präzisionstechnologie, Geräte zur Probenvorbereitung im Bereich der Krebsdiagnostik. Die Büro- und Produktionsgebäude werden fast ausschließlich über die Fotovoltaik-Großanlage auf dem Dach und die angeschlossenen Wärmepumpen versorgt, beheizt und gekühlt. Auch wenn der Invest enorm war: Für Geschäftsführer Stefan Schock gehört der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen bereits seit Jahren zur Unternehmensphilosophie. Unter anderem erspart die konsequente Produktion in Deutschland energieaufwendige globale Lieferketten. „In den Sommermonaten decken wir unseren Strombedarf inzwischen komplett selbst“, berichtet Schock. „Darüber hinaus speisen wir erhebliche Mengen grünen Stroms ins EWR-Netz ein. Intelligentes Energiemanagement halbierte dabei den Energieverbrauch des Unternehmens. Und wir sind noch lange nicht am Ende.“ Ein Pufferspeicher sei eines der nächsten Ziele, genauso wie deutlich mehr Lademöglichkeiten für E-Autos des Unternehmens, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Gäste.

Effizienter wohnen

In Flörsheim-Dalsheim entstehen in der Alzeyer Str. 142 gerade 20 Wohneinheiten, mit einem „Konzept, das sich in die Umgebung einfügt“, sagt Geschäftsführerin Katharina Klein von der KALU Projektgesellschaft mbH. Das Thema Energie wird dabei immer wichtiger für potenzielle Käufer, berichtet Klein. „Fotovoltaik und E-Ladestation sind daher selbstverständlich.“ Gemeinsam mit EWR entwickelte der Bauträger ein Komplettpaket und damit eine moderne und zukunftsweisende Versorgung mit Strom vom eigenen Dach und Wärmepumpe. Die gesamte Anlagentechnik basiert auf Strom, sodass die Erträge der Fotovoltaikanlage optimal für den Eigenverbrauch im Gebäude genutzt werden können. Der Überschuss fließt in den zusätzlichen elektrischen Speicher oder automatisch ins öffentliche Stromnetz. Beheizt werden die Wohnungen über eine Luftwärmepumpe. Die Fußbodenheizung ermöglicht eine Regelung der Raumtemperatur mittels elektronischer Raumthermostate. Zur kontrollierten Raumbelüftung werden Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung eingesetzt. Dadurch sinkt auch der Heiz­energiebedarf um über 50 Prozent. Somit erreichen die Wohneinheiten den Standard eines KfW-Effizienzhauses 40Plus. Der Standard beschreibt ein sehr energieeffizientes und sparsames Gebäude mit moderner Anlagentechnik und hocheffizienter Gebäudehülle.

900%

Innerhalb eines Jahres sind die Großhandelspreise für Erdgas in Europa um bis zu 900 Prozent gestiegen.